EU-Bilanzregeln immer realitätsferner

Ich bin fassungslos, wie die ohnehin vagen Fair Values weiter aufgeweicht werden sollen. Auf der einen Seite bemühen sich Topleute um Kontakte mit den G20, den G8, den relevanten Politikern, um sich an der Diskussion von Lösungsansätzen, aber auch Warnungen konstruktiv zu beteiligen. Beispielhaft sei der Wunsch der G20 nach Vereinfachung der Bilanzregeln und nach einer begrifflichen Klärung des Fair Value.
Andererseits nimmt die gleiche Gruppe Einfluss auf das Standards-Board in London, dass für die EU verbindliche Bilanzstandards erarbeitet. So hat das IAS Board im Januar einen Zwischenstand bekannt gegeben, nach dem - tentative - künftige Bilanzen und Berichte völlig frei gestaltbar werden.

Der Begriff Fair Value soll beibehalten werden: Stand er bisher für die Sonderfälle "mark-to-model", für die komplizierte mathematisch-stochastische "Berechnungen" erforderlich waren, wird er nun zum Oberbegriff und soll "mark-to-market" mit einschließen. Das geht zusammen mit immer weiteren Tatbeständen, bei denen "mark-to-market" eingeschränkt werden soll:
  •  Geht die Liquidität eines Titels stark zurück?
  •  Ist - unabhängig davon - ein Kurs "ordentlich" zustande gekommen? (eine völlig neue, fast moralische Kategorie)
  •  Ist eine Transaktion unter Nötigung oder gar Zwang zustande gekommen?
  •  Wenn die ursprüngliche Transaktion in einem anderen Markt erfolgte als der Erwerber für den Verkauf plant und
  •  abhängig sein vom Kontenkreis - also etwa, ob sich der Titel im Anlagen- oder Handelsbuch befindet resp. umgebucht werden soll.
Das sind doch ganz merkwürdige Kriterien, die stark an die Beschreibung von "subprime" erinnern.
Natürlich tat es allen in der Seele weh, dass diese modernen und hübsch angelegten Häuser massenhaft preislich verfielen und unter den Hammer kamen. Aber, wenn kein Käufer mehr in Sicht ist und wenn verkaufte Häuser in die Zwangsversteigerung kommen, weil die Erwerber nicht ausreichend Kredit haben, und wenn einfach zuviel Häuser an der falschen Stelle oder zum Verkauf stehen, verfällt der Preis. Schon ein, zwei Verkäufe "unter Nötigung" können eine ganze Siedlung im Wert nach unten ziehen. Selbst wenn der Staat gegensteuert, kann er den Wertverfall vielleicht aufhalten. Jedes Überangebot - zumal, wenn es "aufgenötigt" wird - verdirbt den Markt.  Das gilt sinngemäß auch für viele strukturierte Finanzprodukte. Das ist zudem völlig unabhängig vom anzuwendenden Kontenkreis.

Auch der Versuch, die internationalen Buchungsstandards zu vereinfachen, scheint zu misslingen. Die ursprüngliche Idee, die bisherigen 41 IAS-Kapitel durch neun (?) International Financial Reporting Standards (IFRS) abzulösen, scheitert vermutlich daran, dass die IAS wegen  der zahlreichen Querverweise bestehen bleiben müssen. Vermutlich wird der Änderungsdienst nur bei den IFRS erfolgen.

Die Komplexität erhöht sich. Bürokratie ist der Preis für weltweite Buchungsfreiheit.

Siehe auch: http://polimyths.blogspot.com/

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